{"id":3774,"date":"2012-04-02T15:35:16","date_gmt":"2012-04-02T15:35:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/?p=3774"},"modified":"2012-04-02T16:27:26","modified_gmt":"2012-04-02T16:27:26","slug":"sebesul-de-sus-%e2%80%93-mit-%e2%80%9eonkel-mitica%e2%80%9d-durchs-land-der-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/2012\/04\/02\/sebesul-de-sus-%e2%80%93-mit-%e2%80%9eonkel-mitica%e2%80%9d-durchs-land-der-erinnerungen\/","title":{"rendered":"SEBE\u015eUL DE SUS \u2013 mit \u201eOnkel Mitic\u0103\u201d durchs Land der Erinnerungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<a href=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/sebesul-de-sus.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"sebesul de sus\" src=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/sebesul-de-sus.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"301\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Motto:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eIch glaube wir sind aus Sehnsucht geboren. Daher verfolgt uns \u00fcberall dieses erhabene Gef\u00fchl, ein Leben lang.\u00a0 Ich bin auf dem Dorf geboren, dort wo auch die Ewigkeit ihre Wurzeln hat. Aus diesem Grund bin ich keineswegs verlegen.\u201d<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Aurel I. Borgovan \u2013 \u201eSehnsucht nach dem Heimatdorf\u201d<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 63 Exiljahre haben es nicht geschafft, die Erinnerung an das Heimatdorf Sebe\u015ful de Sus (Sebesch gelesen) aus dem Ged\u00e4chnis von Dumitru Sinu zu l\u00f6schen. Es ist schlie\u00dflich der Ort in der Umgebung von Hermannstadt in dem er seine Wurzeln hat. Trotz seiner weltweiten Reisen und zahlreichen Begegnungen mit allerhand Menschen strahlt sein Gesicht in unverwechselbarer Freude sobald die Mitbewohner aus Sebe\u015f in irgendeinem Gespr\u00e4ch erw\u00e4hnt werden. Obwohl er schon im Jahre 1948 seine Heimat verlie\u00df um sein Gl\u00fcck in der gro\u00dfen weiten Welt zu suchen, hortete er sorgf\u00e4ltig all seine Erinnerungen aus der Zeit davor. Diese befinden sich entweder in seinem Ged\u00e4chtnis, oder in zahlreichen Heften, akkurat handschriftlich festgehalten und sortiert. Wenn man ihn darum bittet\u00a0 l\u00e4sst er jederzeit gern die Vergangenheit Revue passieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/drumul-spre-Sebes-cap-30.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3786\" title=\"drumul spre Sebes cap 30\" src=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/drumul-spre-Sebes-cap-30.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"336\" srcset=\"https:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/drumul-spre-Sebes-cap-30.jpg 448w, https:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/drumul-spre-Sebes-cap-30-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Das Dorf von gestern, die Erinnerungen von heute<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zum Thema Heimatdorf habe ich mich mit \u201eOnkel Mitic\u0103\u201d lange Zeit unterhalten.\u00a0 Jedes Mal wenn das Dorf ins Gespr\u00e4ch kam, tauchten neue Erinnerungen auf. Seine F\u00e4higkeit sich bis ins kleinste Detail an Sachen zu erinnern, die vor so viel Zeit passiert sind grenzt an ein Wunder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Im Herbst 1948 entzog sich Dumitru Sinu zum ersten Mal der Feldarbeit und \u00fcberlie\u00df den Dorfbewohnern das Einbringen der Ernte, indem er die Heimat verlie\u00df. Bis heute kann er sich noch ganz genau an jedes einzelne Familienmitglied erinnern, sei es auch noch so klein oder entfernt verwandt. Mit Zufriedenheit registriert er auch, dass seine Tochter, die jetzt in Frankreich lebt, genauso wie er selbst das Heimatdorf ins Herz geschlossen hat. \u201cEs macht mich gl\u00fccklich zu wissen dass Sandra mein Elternhaus zur\u00fcck gekauft hat und, nachdem sie es renovieren lie\u00df, zusammen mit ihrer Familie die Ferien dort verbringt. F\u00fcr sie ist es viel einfacher; schlie\u00dflich leben sie viel n\u00e4her dran.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bruckenthals-traum-cap-30.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"bruckenthals traum cap 30\" src=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/bruckenthals-traum-cap-30.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 In Sebe\u015ful de Sus gab es keine Siebenb\u00fcrger Sachsen und auch keine Ungarn. Die H\u00e4rte des Lebens am Fu\u00dfe der Karpaten hielt viele davon ab, sich in der Gegend niederzulassen. Nichtdestotrotz weist die Bauart der H\u00e4user einen gewissen Einfluss des deutschen architektonischen Stils auf. In Talmesch (rum\u00e4nisch T\u0103lmaciu) &#8211; ein naheliegender, gr\u00f6\u00dferer Ort &#8211; gab es jede Menge Sachsen. F\u00fcr einige hatte Onkel Mitic\u0103\u00b4s Vater ein paar H\u00e4user errichtet. Zusammen mit seinem Bruder, Ion Sinu hatte er auch das Kulturheim im eigenen Dorf gebaut. Die Dachziegel kamen aus der kleinen Ziegelfabrik, die von seinem Gro\u00dfvater m\u00fctterlichereits, Ion St\u0103nil\u0103, genannt Der Ziegler, betrieben wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Onkel Niculi\u0163\u0103, der v\u00e4terliche Gro\u00dfvater war genau das Gegenteil seines m\u00fctterlichen Opas: weise und gro\u00dfz\u00fcgig schenkte er allen Leuten seine Achtung und half\u00a0 gern vielen Mittb\u00fcrgern in Not. \u201eSogar die Sachsen hoben ihren Hut vor ihm\u201d. Onkel Niculi\u0163\u0103\u00b4s Ehefrau kam aus Talmesch, eine geborene Ritivoi. Sie stammte aus derselben Familie wie Ion Ritivoi, der, laut Mitic\u0103, wahrscheinlich der flei\u00dfigste Mensch der Welt war. Auch dieser hatte einige Jahre im Ausland verbracht um Geld f\u00fcr seine Familie zu verdienen, kehrte jedoch irgendwann zur\u00fcck. Die Familie Ritovoi besa\u00df ein besonders gro\u00dfes Haus in Talmesch, welches sp\u00e4ter nationalisiert\u00a0 und in ein Schulinternat umgewandelt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/casa-verde-cu-alb-casa-cr%C3%A2snicului-cap-30.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3787\" title=\"casa verde cu alb casa cr\u00e2snicului cap 30\" src=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/casa-verde-cu-alb-casa-cr%C3%A2snicului-cap-30.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"336\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Um dieselbe Zeit war Sebe\u015ful de Sus eine selbst\u00e4ndige Gemeinde, gef\u00fchrt von einem B\u00fcrgermeister, der als Bir\u0103u bezeichnet wurde; sein Stellvertretender war ein Pristav, heute w\u00fcrde man Vize dazu sagen. F\u00fcr die ungest\u00f6rte n\u00e4chtliche Ruhe sorgte ein Boact\u0103r, w\u00e4rend die Wache \u00fcber die Felder von einem Vornic \u00fcbernommen wurde. Der P\u00e2rgar war\u00a0 zust\u00e4ndig f\u00fcr die \u00dcberbringung der Nachrichten; er \u00fcbte sein Metier mit Hilfe einer Trommel, aus dessen Schl\u00e4ge jeder Versammlung auf dem Dorfplatz voraus gingen. F\u00fcr die Niederkunft, zum Z\u00e4hne ziehen und um Krankheiten zu besprechen gab es die Hebamme (rum\u00e4nisch Moa\u015fa). Man verf\u00fcgte sogar \u00fcber einen eigenen Purcar (Schweinez\u00fcchter) und einen C\u0103prar, der auf die Ziegen aufpasste (Capra hei\u00dft auf rum\u00e4nisch Ziege)!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Der B\u00fcrgermeister war der f\u00fchrende \u201eHaush\u00e4lter\u201d im Dorf. Onkel Mitic\u0103 Sinu erw\u00e4hnte einen Ioan Manduc, der das Amt des B\u00fcrgermeisters 30 Jahre lang ausge\u00fcbt haben soll. Er war einer der meistgeachteten B\u00fcrgermeister der Gegend. Mit tadellosem Organisationstalent hatte er eine Menge Wissen von den siebenb\u00fcrger Sachsen \u00fcbernommen und konnte die Dorfbewohner wunderbar motivieren. \u201eEr sch\u00e4mte sich nicht zuzugeben, dass er die Kunst des Haushaltens bei den Sachsen gelernt hatte&#8221; \u2013 erz\u00e4hlt der 56 j\u00e4hrige Marius Traian Dumitru aus Hermannstadt, Manduc\u00b4s Enkel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gemeinschaftliche Boden wurde mit Hingabe und Ernsthaftigkeit sorgf\u00e4ltig verwaltet. Alle lebten in Frieden miteinander und bearbeiteten gemeinsam den kargen Boden, unter nicht gerade g\u00fcnstigen klimatischen Bedingungen. Sie z\u00fcchteten Vieh, aber sie waren auch gute Handwerker. Die Varni\u0163\u0103 (rum. Var bedeutet Kalk) erzeugte den n\u00f6tigen Kalk f\u00fcr die W\u00e4nde und Maurerarbeiten. Dazu verf\u00fcgten sie noch \u00fcber die bereits erw\u00e4hnte Ziegelfabrik des Gro\u00dfvaters, dann\u00a0 das Mahlwerk (rum. Piua), dessen Aufgabe sowohl das Getreidemahlen wie auch die \u00d6lgewinnung war. In der Wachswerkstatt\u00a0 wurde Bienenwachs geschmolzen und zu Kerzen verarbeitet. Das steinerne M\u00fchlrad\u00a0 diente der Erzeugung von Essig und Apfelsaft. Auf ewig den alten Traditionen des Hermannst\u00e4dter Randgebiets getreu, fehlte es ihnen an nichts \u00dcberlebenswichtigem!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/d-soara-Cercel-langa-fosta-brutarie-cap-30.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3788\" title=\"d-soara Cercel langa fosta brutarie cap 30\" src=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/d-soara-Cercel-langa-fosta-brutarie-cap-30.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"336\" srcset=\"https:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/d-soara-Cercel-langa-fosta-brutarie-cap-30.jpg 448w, https:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/d-soara-Cercel-langa-fosta-brutarie-cap-30-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem die Kommunisten die Staatsmacht an sich gerissen hatten, galt der Ort nicht mehr als eigenst\u00e4ndige Gemeinde; er wurde als einfaches Dorf in die benachbarte Gemeinde Racovi\u0163\u0103 eingegliedert. Nun\u00a0 hatten die Sebe\u015fer keinen eigenen B\u00fcrgermeister mehr und mussten f\u00fcr jedes klitzekleine Verwaltungspapier einen Ausflug in der Nachbarschaft auf sich nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bewohner dieser zwei D\u00f6rfer &#8211; Sebe\u015f und Racovi\u0163\u0103 &#8211; hatten ohnehin kein gutes Verh\u00e4ltnis miteinander. Schon seit ungewisser Zeit herrschte dicke Luft, angeblich aufgrund einiger Taten der Racoviceni, die\u00a0 jedoch im Laufe der Jahre von Allen vergessen wurden. Laut Onkel Mitic\u0103 \u201ewaren die Racoviceni f\u00fcr uns so etwas wie die Russen f\u00fcr die Rum\u00e4nen. Sie kamen, holzten den Wald ab, nahmen die Steine aus dem Flussbett und fuhren dann wieder weg!\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/sebes-cap-30.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"sebes cap 30\" src=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/sebes-cap-30.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da gibt es noch eine alte Geschichte, an die sich Onkel Mitic\u0103 erinnert. Opa Niculi\u0163\u0103 hatte ihm von einer Frau erz\u00e4hlt, die die Ohrl\u00e4ppchen ihrer Tochter durchbohren lie\u00df, um ihr Ohrringe anzustecken. \u00dcblicherweise zog man einen seidenen Faden durch die L\u00f6cher, um zu verhindern dass diese sich wieder schlossen; man hing auch einen kleinen Wachsklumpen daran, um sie zu beschweren. Da aber die genannte Frau gerade in diesem Augenblick kein Wachs zur Hand hatte, nahm sie einfach ein St\u00fcck Polenta. Die Racoviceni dachten sich ein sp\u00f6ttisches Lied dazu aus, sehr zum Leidwesen der Sebe\u015feni : Iese Buha din colib\u0103 \/ Cu cercei de m\u0103m\u0103lig\u0103&#8230; (\u201eKriecht die Eule aus dem Nestchen\/ Mit Polenta an den L\u00e4ppchen&#8230;\u201d). In Sachen Humor ist der Folklore un\u00fcbertroffen! Ob fr\u00f6hlich oder traurig, f\u00fcr ein Gedicht waren sich den Leute nie zu schade.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wann immer er mit dem Dorfleben anf\u00e4ngt, streut Onkel Mitic\u0103 eine bunte Mischung lokaler Spr\u00fcche und ehemaliger Redewendungen ins Gespr\u00e4ch ein. Auch die Br\u00e4uche und Traditionen kommen nicht zu kurz. Als wahre Speicher unserer spirituellen Identit\u00e4t werden sie wohl von keinem von uns\u00a0 jemals vergessen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Volksfeste und -br\u00e4uche aus Sebe\u015ful de Sus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als begeisterte Anh\u00e4nger volkst\u00fcmlicher Br\u00e4uche, die in dieser Gegend Rum\u00e4niens durchaus verbreitet waren, hielten die Bewohner von Sebe\u015ful de Sus gro\u00dfe St\u00fccke auf das kulturelle Erbe ihrer Vorfahren. M\u00f6glicherweise trug auch die Abgeschiedenheit dieses schwer auffindbaren Ortes, verborgen im Scho\u00dfe des majest\u00e4tischen Berges Suru (der Schimmel),\u00a0 zur Erhaltung genannter Traditionen bei. Wie dem auch sei, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war das Pflegen bestimmter Br\u00e4uche und Feste nach einem ganz bestimmten Muster eine Sselbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Wenngleich auch heute einige dieser Gepflogenheiten am Leben erhalten werden, die Pracht und Sch\u00f6nheit jener guten alten Zeiten, als Dumitru Sinu noch ein Kind war ist nicht mehr im gleichen Ma\u00dfe vorhanden.\u00a0 Im Alter von 85 Jahren erinnert er sich noch mit gro\u00dfer Freude an die Volks- und Religionsfeste des damaligen Sebe\u015f. Jedes einzelne davon wird von ihm vorgetragen, als ob er aus einem Buch vorlese. Das ganze lebendige Treiben erwacht geradezu bildlich vor seinen Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u00a0 Palmsonntag <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eUnter Leitung unseres Popen (sein Name war Tatu), seiner Gattin, und unseres Lehrers Stoia bildeten wir Kinder am Palmsonntag eine Prozession. In den H\u00e4nden zarte Ruten, aus Trauerweide geschnitten, gingen wir zum Dorfeingang; der Pope und der Lehrer f\u00fchrten die Kolonne an, die Frau des Popen kam hinterher. Wir sangen: Sehet, die w\u00e4rmenden Tage\/ folgen dem eisigen Sturm.\/ Die Sonne des Palsonntags komme\/ der Palmsonntag strahle darum.\/ Die Lerchen erf\u00fcllen den Himmel\/ und Jesus mit seinem Gefolge\/ bringt Liebe und Sanftmut vorbei.\/ Durch sein Gewand auf dem Boden\/ den wahren Weg k\u00fcndigt er an. Am fr\u00fchen Morgen des Palmsonntags, um 6 Uhr, ging Popa Tatu in die Kirche und richtete an die heilige Maria ein eigens daf\u00fcr gedachtes Gebet um die Vergebung aller S\u00fcnden der Dorfbewohner zu erreichen. Nach der heiligen Messe nahm jeder eine heilige Weidenrute mit nach Hause. Es galt als Vorschrift, dass man am Palmsonntag unter anderen auch Fisch zu Mittag essen musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vor Ostern, w\u00e4hrend der heiligen Fastenzeit, gab es bestimmte Regeln, die beachtet werden mussten: gleich bei der Beichte brachte man\u00a0 zwei oder vier Eier mit (besonders \u00e4ltere Leute und Frauen taten das). In der Woche zwischen Palmsonntag und Ostern sammelte sich das ganze Dorf t\u00e4glich in der Kirche, jeder musste in die Beichte gehen und jeder bekam die heilige Weihe. Die Karwoche, war als Reinigungswoche der Ordnung gewidmet. \u00c4hnlich einer sch\u00f6nen Frau, putzte sich die Kirche heraus und schm\u00fcckte sich mit den sch\u00f6nsten Kleidern, um Ostern entgegen zu schauen. Dasselbe galt f\u00fcr jedes einzelne Haus im Dorf.\u00a0 Am Gr\u00fcndonnerstag wurde die heilige Messe der 12 Evangelien abgehalten. Speziell am Karfreitag war das Fasten extrem streng. Auf diese Weise, innerlich und \u00e4u\u00dferlich gereinigt, erwartete die Sebe\u015fer das Fest der Wiedergeburt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u00a0 Das heilige Osterfest<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer einmal die Nacht der Wiedergeburt in Sebe\u015f erlebt hat, konnte das niemals vergessen: schon au\u00dferhalb des Dorfes vernahm man das Glockenl\u00e4uten und das rhythmische, rituelle Schlagen der Toaca (eine Art Holzbrett, ein Aufruf zur Aufmerksamkeit). Mit donnernder Stimme rief der Pope: Ihr Herren, \u00f6ffnet die Tore des Himmels und lasset Seine Heilige Hoheit eintreten! Gefolgt von Kommt und nehmt Euch das Licht!\u00a0 Nachdem er den Altar erreichte, wand er sich zur Gemeinde:\u00a0 Freut Euch alle, die Ihr gefastet habt und auch die, die es nicht haben! Dann ging jeder mit seinem Kelch nach vorne, nahm sich vom heiligen, im Wein getr\u00e4nktes Wafer etwas mit, deckte es mit einem sauberen, handbestickten Tuch ab und trug es nach Hause&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddessen sangen der Chor und die Gemeinde Christus ist aufgewacht! Onkel Mitic\u0103 erinnert sich an ein paar unglaublich sch\u00f6ne Stimmen aus seinem Dorf, die von Vasile Nicula oder die des Vasile B\u0103dil\u0103.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fr\u00fchling brachte immer das Fest des Heiligen Gheorghe mit sich. Da sammelten sich die noch ledigen S\u00f6hne des Dorfes und flochten Kronen aus Tannenzweigen. Diese h\u00e4ngten sie an die Tore der H\u00e4user, wo M\u00e4dchen wohnten, die gerade mit dem Schulabschluss fertig waren. Dies war ein Zeichen: sie planten, am Abend nochmal vorbeizukommen, um die M\u00e4dchen mit Wasser zu bespritzen (verspricht Reichtum im Leben).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgten die Pfingsten. Zu dieser Gelegenheit hielt man im Anschluss an die \u00fcbliche Sonntagsmesse eine zus\u00e4tzliche Predigt. Darin bat man um eine heile R\u00fcckkehr der Hirten und Schafsherden aus den Bergen. Zwischen Ostern und Pfingsten feierte man das Fest des Ma\u00dfes. Hiermit verabschiedete man sich feierlich von den Schafherden, die\u00a0 von nun an zu den Almen in den Bergen getrieben wurden. Auch wurde mit jedem Schafbesitzer die genaue Menge an Milch abgemessen, die ihm weiterhin im Herbst zustehen w\u00fcrde. Die Berge und die ganzen T\u00e4ler der Umgebung hallten, wenn der gro\u00dfe Tisch festlich gedeckt war und die\u00a0 anmutigen T\u00e4nzer eifrig ihre Schritte vorf\u00fchrten! \u201eWie k\u00f6nnte man nur so etwas jemals vergessen?\u201d, fragt mich Onkel Mitic\u0103 und l\u00e4chelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Weihnachten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u201eZu Weihnachten waren wir Kinder und Jugendliche die gl\u00fccklichsten von Allen\u201d, erz\u00e4hlt Dumitru Sinu. Am Weihnachtsabend versammelten wir uns am Dorfeingang und \u00fcbten schon die Weihnachtslieder. Diejenigen, die im unteren Teil des Dorfes wohnten, \u00fcbernachteten bei Gheorghe oder bei Dumitru.\u00a0 Die \u201eMittleren\u201d quartierten sich bei Vasile oder Aurel ein, und die aus dem oberen Teil bei Bucurenciu. Pro Haus sammelten sich etwa zehn bis f\u00fcnfzehn Kinder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um vier Uhr in der Fr\u00fch, am Weihnachtstag, band jeder seine Stofftasche an einem Stock, schulterte sie und ging aus dem Haus, um an den T\u00fcren der Dorfbewohner die Geburt Christi anzuk\u00fcndigen. Jeder tat sein Bestes und sang nach Kr\u00e4ften Deine Geburt, Jesus Christ\u00a0 oder Heilige Maria, Du Unbefleckte, denn wir wussten dass die M\u00fche sich lohnen w\u00fcrde: man gab uns \u00c4pfel \u2013 genannt Ro\u015fcove (die R\u00f6tlichen), Birnen und N\u00fcsse,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2-3 St\u00fcck W\u00fcrfelzucker, Trockenobst. Manch einer gab uns sogar 2-3 Heller. Wir wussten, dass es sich sowohl bei Toma Tomi\u0163ii, wie auch bei den Maniocs nicht lohnte vorbeizuschauen, denn entweder hielten sie ihre Tore verschlossen, oder gaben uns blo\u00df ein St\u00fcck Kohle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir mit Singen fertig waren, ging einer von uns ins Haus und gr\u00fc\u00dfte artig. Sobald alle H\u00e4user aus unserm \u201eRevier\u201c fertig abgeklappert waren, machten wir uns auf dem Weg nach Hause. Du h\u00e4ttest uns sehen sollen, wie wir beim Geschenke auspacken jubelten! Au\u00dfer uns vor Freude steckten wir die ganze Familie an; die freute sich mit, sozusagen \u00fcber unsere Freude.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie vielerorts in Siebenb\u00fcrgen (rum\u00e4nisch Transilvania) gingen am Weihnachtsabend die heiratsf\u00e4higen Jugendlichen von T\u00fcr zu T\u00fcr und sangen ihre Weihnachtslieder. Die Gastgeber bereiteten f\u00fcr sie ein geflochtenes Rosinenbrot, ger\u00e4ucherte W\u00fcrste und Katenschinken vor. Manchmal gaben sie ihnen auch Geld. Wenn M\u00e4dchen im Haus wohnten spielte die Musik ein paar Tanzlieder extra dazu und man blieb halt ein bisschen l\u00e4nger. Die \u00fcblichsten Weihnachtslieder waren der Viflaimul und der Irod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Jugendbande traf sich in den Weihnachtstagen in einem der gr\u00f6\u00dferen H\u00e4user, a\u00df und trank von den geschenkten Vorr\u00e4ten und feierte mit Gesang und Tanz die ganze Zeit \u00fcber. Oft wurde die Nacht zum Tage gemacht. Die Gruppe wurde von einem eigenen Bir\u0103u und Pristav gef\u00fchrt, die f\u00fcr die Organisation zust\u00e4ndig waren. Der Wein kam aus der T\u00e2rnave Gegend (auf\u00a0 Deutsch Scharosch), die Lebensmittel aus dem Dorf. Die M\u00e4dchen bereiteten das Essen vor. So konnten die Jungen beobachten, welche von den M\u00e4dels sich am besten als Braut eignete. Jeder junge Mann hatte drei Holzspie\u00dfe mit seinem Namen drauf. Einer davon war f\u00fcr Schnaps, der andere f\u00fcr Wein und der dritte f\u00fcr Bier. Mit Strichen auf den Spie\u00dfen hielt man die Rechnung fest. Erst sp\u00e4ter, zum Heiligen Johann\u00a0 bezahlten sie f\u00fcr den Verzehr&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eDie Weihnachtsstimmung, die einmalige Atmosph\u00e4re die um diese Zeit das Dorf Sebe\u015ful de Sus umgab, all diese Br\u00e4uche und Traditionen, alleine der Geruch nach Sarmale (Krautwickel), R\u00e4ucher- oder Leberwurst,\u00a0 sowie die Aromen des hausgebackenen Kuchens, all dies sind Sachen die ich niemals vergessen werde\u201c \u2013 erz\u00e4hlt Onkel Mitic\u0103.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Er hat mir noch vieles \u00fcber das Dorf mitgeteilt, doch ich bin sicher, dass es noch jede Menge Dinge gibt, die erw\u00e4hnenswert w\u00e4ren. Er weckte bei mir die Neugier. Ich begann mich f\u00fcr Sebe\u015ful de Sus zu interessieren und hoffte auf eine Begegnung mit dem rum\u00e4nischen Dorf von heute, mitten im dritten Millennium. Mich reizte der Vergleich mit Onkel Mitic\u0103\u00b4s Erinnerungen. Dumitru Sinu schien ein seltener Zeitgenosse aus dem letzten Jahrhundert zu sein, dessen Spuren ich unbedingt erkunden musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/beserica-sebes-cap-30.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3789\" title=\"beserica sebes cap 30\" src=\"http:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/beserica-sebes-cap-30.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"336\" srcset=\"https:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/beserica-sebes-cap-30.jpg 448w, https:\/\/www.marianagurza.ro\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/beserica-sebes-cap-30-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 <strong>Sebe\u015ful de Sus heute \u2013 mitten im Sommer 2011<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Dorf Sebe\u015ful de Sus n\u00e4her kennenzulernen. Die Reise in Mitic\u0103 Sinu\u00b4s Heimatdorf blieb keineswegs ein Traum von mir, wenngleich ich nicht pers\u00f6nlich dahin reisen konnte, sondern ein befreundeter Reporter. Es war der Sommer 2011.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sebe\u015ful de Sus ist nicht nur ein ruhiger Ort auf Erden, sondern auch ein \u00e4u\u00dferst gastfreundlicher. Im reinsten Sinne ist es ein typisch rum\u00e4nisches Dorf, seit Ewigkeiten lediglich von Rum\u00e4nen bewohnt. Es gab hier praktisch keine Einfl\u00fcsse von au\u00dfen, keinerlei Wirkung anderer Kulturen und Volksgruppen, die in Siebenb\u00fcrgen durchaus zu Hause sind (insbesondere Deutsche, Ungaren, Szekler).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ende des Zweiten Weltkrieges gab es eine gro\u00dfe Auswanderungswelle, die auch diesem Ort einen betr\u00e4chtlichen Bev\u00f6lkerungsschwund bescherte. \u00dcber ein Viertel der Dorfbewohner verlie\u00df das Land. Die Daheimgebliebenen verstanden es gut, die \u00fcber Generationen vermittelte Lebensart weiter zu pflegen. Die Sch\u00f6nheit und Nat\u00fcrlichkeit des Lebens am Fu\u00dfe des m\u00e4chtigen Berges Suru wurde wie selbstverst\u00e4ndlich gesch\u00e4tzt und erhalten, trotz aller wirtschaftlichen, sozialen und politischen Widrigkeiten, die Rum\u00e4nien wie ein Fluch immer wieder heimsuchten. Sie \u00fcberstanden die Nationalisierung, die Kollektivierung und die Genossenschaften. In den letzten 21 Jahren erlebten sie eine Form des Kapitalismus, die in Rum\u00e4nien seltsame Bl\u00fcten tr\u00e4gt, \u201eein Hurdu-Burdu-Kapitalismus\u201c,\u00a0 wie Iustina Cercel \u2013 eine verschmitzte Nachbarin \u2013 das Ganze sp\u00f6ttisch bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zwischen Friedhof, wo das Dorf beginnt und dem anderen Ende leben 312 Familien; dazu gesellen sich weitere 38, die am Wald zu Hause sind und etwa 20-25 Zigeunerfamilien, die ihre H\u00e4user auf gekauften Grundst\u00fccken gebaut haben. Diese f\u00fchren ihr eigenes, ungest\u00f6rtes Leben und mischen sich nicht in den Angelegenheiten anderer Dorfbewohner ein.\u00a0 Haupts\u00e4chlich besch\u00e4ftigen sie sich mit Waldfr\u00fcchte- und Pilze sammeln, sowie mit dem Holvertrieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Am oberen Ende des Dorfes, im Tal der Hebamme wurden einige moderne Villen errichtet. Nahe am Waldrand gelegen, in einer traumhaften Naturkulisse, dienen sie vielen reicheren Stadtleuten als Wochenendh\u00e4user. Anw\u00e4lte, \u00c4rzte und Gesch\u00e4ftsleute fanden hier ein ruhiges Fleckchen Erde, vor den gezackten Gipfel der anmutigen Fogarascher Berge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das Dorf verf\u00fcgt \u00fcber Wasser- und Gasleitungen, aber hier und da stehen in den H\u00f6fen immer noch die alten Brunnen. Sebe\u015ful de Sus ist eine beliebte Adresse f\u00fcr Ferien auf dem Bauernhof (Agrotourismus).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Sogar die Europ\u00e4ische Union hat einige der Projekte finanziell unterst\u00fctzt. Insbesondere die neue Zugangsstra\u00dfe, die das Dorf mit der Nationalstra\u00dfe verbindet entspricht den h\u00f6chsten europ\u00e4ischen Standards. Es besteht Hoffnung, dass die Erneuerung der Infrastruktur weiterhin andauern wird, dank EU-Unterst\u00fctzung. Allerdings handelt es sich hierbei um einen sehr langwierigen und kostspieligen Prozess.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sieben private L\u00e4den dienen der Versorgung vor Ort mit wichtigen Lebensmitteln. Dazu ein Motel, eine Terrasse und ein Restaurant. Es gibt sogar eine Nachtbar, die von den j\u00fcngeren Bewohnern gern angenommen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Das Kulturheim, neulich renoviert, weist immer noch Spuren des Baustils seines Erbauers, Ion \u0162iglaru\u2019, Onkel Mitic\u0103 Sinu\u00b4s Gro\u00dfvater; das Dach ist mit Ziegeln aus seiner Manufaktur bedeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Ein Gro\u00dfteil der heutigen Sebe\u015fer \u00fcbt einen handwerklichen Beruf aus. Sie sind entweder Maler, Maurer oder Konstrukteure und f\u00fchren somit die Tradition Ihrer Vorfahren weiter. Indem sie durch Ihre Arbeit Respekt und Achtung vor guten Leistungen und vor den anderen Menschen beweisen, bleiben sie der Tradition treu. Viele z\u00fcchten auch Vieh; man kann in den H\u00f6fen Schafe, Ziegen, Pferde und K\u00fche ersp\u00e4hen. Von den fr\u00fcheren Ziegel-, und \u00d6lbetrieben, sowie von der alten M\u00fchle ist leider nichts mehr \u00fcbrig. Auch die damit verbundenen Handwerke sind leider l\u00e4ngst ausgestorben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Jugendliche arbeiten im Ausland, aber sie kehren zur\u00fcck und bauen sch\u00f6ne H\u00e4user, beziehungsweise renovieren die alten Geb\u00e4ude. Lediglich diejenigen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Heimat verlassen haben sind nicht mehr zur\u00fcckgekommen. Ab und zu besuchen sie noch das Dorf, doch das Wiedersehen rei\u00dft alte Wunden auf. Die Schmerzen, die ihnen durch den Kommunismus zugef\u00fcgt wurden, k\u00f6nnen sie nie mehr vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im kommenden Jahre steht ein besonders wichtiges Fest an: alle Bewohner des Dorfes, auch die die nicht mehr da wohnen, sind auf dem \u201eTreff aller Dorfs\u00f6hnen\u201c eingeladen. Sandra, Onkel Mitic\u0103\u00b4s Tochter wird mit Sicherheit teilnehmen! J\u00e4hrlich besucht sie das Eltern- und Gro\u00dfelternhaus. Obwohl sie selbst zu hundert Prozent Franzosen sind, lieben ihre Kinder die Sch\u00f6nheit dieses Ortes und die offene Art seiner Einwohner. Ihre Mutter hat es geschafft, ihnen die Liebe zur Heimat Ihres Gro\u00dfvaters erfolgreich zu vermitteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe des Jahres 2011, noch vor dem sommerlichen Fest des Heiligen Ilie wurden in Sebe\u015ful de Sus zehn Paare verm\u00e4hlt. Mit einem statistisch ermittelten Wert von elfeinhalb Hochzeiten im Jahr kann sich der Ort als jung bezeichnen. Die Sebe\u015fer blicken zu Recht mit Optimismus in die Zukunft, denn das ist f\u00fcr rum\u00e4nische Verh\u00e4ltnisse viel. Das Dorf verf\u00fcgt \u00fcber Kindergarten und Grundschule. Ab der f\u00fcnften Klasse werden die Kinder per Schulbus ins den Nachbarort Racovi\u0163\u0103 gefahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die orthodoxe Kirche, die etwa 1000 Personen fasst, wurde neulich renoviert. Der Pope h\u00fctet Das Goldbuch, wo man die Namen aller Beteiligten an den Renovierungsarbeiten vermerkt hat. Auch Onkel Mitic\u0103 Sinu ist mit einem recht gro\u00dfen Geldbetrag eingetragen: er hat die Innenmalereien finanziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt auch eine Monographie \u00fcber das Dorf; der Autor, Dumitru St\u0103nil\u0103 ist der Vater der Professorin Luciana St\u0103nil\u0103, eine Dorfstochter, die au\u00dferordentlich hohe akademische Ehren genie\u00dft. Sie ist Doktorin der Medizin und lehrt an der Medizin- und Pharmazieuniversit\u00e4t Iuliu Ha\u0163ieganu\u00a0 in Klausenburg (Cluj-Napoca).\u00a0 Aufgewachsen ist sie in dem Haus gegen\u00fcber von Onkel Mitic\u0103\u00b4s Elternhaus und ist, genauso wie er, eine begeisterte Unterst\u00fctzerin. Mit der Familie Sinu verbindet sie eine langj\u00e4hrige Freundschaft. Ihr Elternhaus wird von einer \u00e4rmeren Familie bewohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Die meisten Dorfbewohner, speziell die \u00c4lteren k\u00f6nnen sich gut an die Familie Sinu erinnern. Von den vier Br\u00fcdern lebt keiner mehr in Sebe\u015f: Iosif\u00a0 (genannt S\u00e2vu) wohnt in Hermannstadt (Sibiu) und Onkel Mitic\u0103 in den Vereinten Staaten. Die Br\u00fcder Ion und Nicolae sind beide verstorben. Nur noch einige fernere Verwandte sind in Sebe\u015ful de Sus weiter ans\u00e4ssig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wer mehr \u00fcber Onkel Mitic\u0103\u00b4s Familie erfahren m\u00f6chte, setzt sich in Verbindung mit dem \u00e4ltesten Dorfbewohner, Vasile Iona\u015fcu, ehemaliger Kirchenschreiber (rum. Cr\u00e2snic),. Im hohen Alter von 96 Jahren lebt er zusammen mit seiner j\u00fcngeren Frau, einer 86-j\u00e4hrigen. Nat\u00fcrlich erinneren sich beide an Ihre Jugend und an die Sinu\u00b4s! Onkel Niculi\u0163\u0103 und Tetea \u0162iglaru\u2019, sowie Onkel Mitic\u0103 und seine Br\u00fcder geh\u00f6rten damals zum Gesamtbild des Dorfes. Beide hoffen auf ein Wiedersehen mit Dumitru und S\u00e2vu (Iosif) Sinu auf der gro\u00dfen Versammlung im n\u00e4chsten Jahr!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vasile kriegt zwei Renten: eine von der Kirche und eine als Kriegsveteran. Seiner Meinung nach war alles immer gut; auch unter den Kommunisten und auch jetzt. Er hat mit dem Leben seinen Frieden geschlossen, ist weise und zufrieden geworden. Im Krieg hat er gek\u00e4mpft und war vom Reichtum der damaligen Ukraine geradezu verbl\u00fcfft, als dort die Hilfe aus Amerika antraf. Die rum\u00e4nischen Kampfeinheiten waren den Deutschen auf der Spur und folgten ihnen weiter. So \u00fcberquerte Vasile das Tatra-Gebirge und erreichte die Tschechoslowakei. Als der Krieg zu Ende ging, kehrte er zu Fu\u00df nach Hause zur\u00fcck\u2026 Die Geschichte seiner Heimkehr h\u00f6rt sich an wie eine endlose Geschichte voller Qualen. Ein Wunder, dass er dieses hohe Alter noch erreicht hat!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Fr\u00e4ulein Iustina Cercel ist eine quirlige, sehr schlaue Bewohnerin des Dorfes.\u00a0 Als ehemalige Buchfhalterin der Kooperative im nahe liegenden Ort Avrig (Freck) erh\u00e4lt sie heute, mit 76 Jahren eine angemessene Rente. Doch sie widmet sich auch dem Haushalt, h\u00e4lt zwei Ziegen und ein Pferd, arbeitet auf dem Feld und genie\u00dft am meisten das Heumachen im Sommer. Zusammen mit ihrem Bruder, Rusalim, bewohnt sie ein Haus aus dem Jahre 1935, gebaut in s\u00e4chsischem Stil, das fr\u00fcher mal eine B\u00e4ckerei war. Beide erinnern sich gern an Onkel Mitic\u0103.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 In Sebe\u015ful de Sus stehen viele H\u00e4user verschlossen und verriegelt, denn ihre Besitzer sind im Ausland. Einige sind leer, mit den ganzen Erinnerungen darin gehortet. Sie warten auf ihre Herren, wer wei\u00df wie lange\u2026Andere werden noch von irgendeinem Familienmitglied bewohnt. Es sind Menschen, die \u00e4lteren Menschen, die ihren Kindern nicht ins Ausland folgen wollten. Sie lassen sich nicht entwurzeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So geht es auch der Mutter von Ian Radu, einer der Sebe\u015fer, die sich wie viele Andere in Detroit, Michigan niedergelassen hat. Ligia Podorean, aus Spanien und Dumitru C\u0103p\u0103\u0163\u00e2n\u0103 aus den Vereinten Staaten haben vor kurzem das Dorf besucht und versprachen\u00a0 Hilfe bei den Vorbereitungen f\u00fcr das Fest im Jahre 2012.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die H\u00f6fe sind in Sebe\u015ful de Sus generell gro\u00df. Sie bestehen meist aus zwei Geb\u00e4uden, dazwischen ein gro\u00dfes Tor, welches sich zum Innenhof \u00f6ffnet. Die H\u00f6he des Torbogens und die Breite der gro\u00dfz\u00fcgig geschnittenen H\u00f6fe erlauben den Eintritt und das Wenden eines Pferde- oder Bullengespanns. Ganz hinten, am Ende des Hofes befinden sich die Scheunen, St\u00e4lle, Schuppen und der Garten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht weit weg vom Dorf befindet sich der Wasserfall Chii\u015foara, die Badestelle schlechthin, ein Ort an der mit Sicherheit auch Onkel Mitic\u0103 als Kind gespielt hat. In zwei Kilometer Entfernung vom Dorfeingang findet man die Eisenbahnhaltestelle Sebe\u015ful de Sus. Gleich dahinten fliesst der Alt (rum. Olt) und gleich 500 Meter weiter befindet sich einer der neuesten und modernsten Wasserkraftwerke des Landes. So ungef\u00e4hr sieht es in und um Sebe\u015ful de Sus im Sommer 2011 aus\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wenn es um seinen Heimatort geht, spricht Mitic\u0103 Sinu viel vom einzigen Bruder der noch am Leben ist, Iosif.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wer Kirchen baut, errichtet Herzburgen \u2013 Iosif Sinu<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Iosif Sinu wurde am 4.Juni 1923 in Sebe\u015ful de Sus geboren. Er ist das dritte Kind der Familie Sinu, drei Jahre \u00e4lter als Onkel Mitic\u0103. Abgesehen von ihm ist er der einzige, der noch lebt. Er wohnt in Sibiu und f\u00fchrt dort ein ruhiges Leben, umgeben von seinen geliebten Erinnerungen. Auf sein erf\u00fclltes Leben ist er sehr stolz und erinnert sich gerne an all die Bauten, die er gekonnt und voller Freude errichtet hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Schon als Jugendlicher erlernte er den Maurerberuf, ein traditionelles Handwerk aus seinem Heimatdorf. Als geachteter H\u00e4userbauer war sein Vater damals im gesamten Hermannst\u00e4dter Rundgebiet sehr angesehen, bekannt und beliebt. Sogar die Sachsen, die bekanntlich ihr S\u00fcppchen eher allein kochen, hatten ihn gerne und respektierten ihn. Schade dass er in einem absurden Unfall, im Alter von gerade mal 75 Jahren, sein Leben verlor \u2013 erz\u00e4hlte mir Iosif Sinu neulich in einem Telefongespr\u00e4ch. Er h\u00e4tte ruhig weiter leben k\u00f6nnen. Es passierte w\u00e4hrend seiner R\u00fcckkehr vom Viehmarkt, aus Freck. Als das Gespann pl\u00f6tzlich vor einem Hindernis anhielt, fiel er Kopf\u00fcber aus dem Wagen; ein Rad fuhr genau \u00fcber seinen Hals. Vergeblich versuchte seine verzweifelte Frau ihn wiederzubeleben. Er hatte im Himmel einen Termin\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mann kann getrost sagen, dass der Sohn das Handwerk seines Vaters in Ehre weitergetragen hat. Sein Leben lang \u00fcbte er es weiter aus, mit sichtbarem Erfolg. Nachdem er sein Studium als Konstrukteur abgeschlossen hatte, wurde ihm oft die Bauaufsicht f\u00fcr viele wichtige Gro\u00dfprojekte im Hermannst\u00e4dter Raum \u00fcbertragen. Eines seiner Meisterwerke \u2013 denn Iosif Sinu hat Dinge gebaut, die diese Bezeichnung durchaus verdienen &#8211; ist das ber\u00fchmte Kloster S\u00e2mb\u0103ta de Sus, eines der sch\u00f6nsten Bauten seiner Art im Komitat Fogarasch (rum. \u0162ara F\u0103g\u0103ra\u015fului). Dazu gesellen sich zwei Kirchen in Heltau (rum. Cisn\u0103die), eine andere in Stolzenburg (rum. Slimnic) und die Kathedrale in der Gheorghe Dima-Stra\u00dfe von Hermannstadt \u2013 allesamt Kunstwerke, die ohne seine Erfahrung und sein Talent niemals so entstanden w\u00e4ren. Mit allem was er in seinem Leben erreicht hat ist er zufrieden. Er verbringt sein Lebensabend in liebevoller Umgebung, stolz auf seine kostbaren Erinnerungen zur\u00fcckblickend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geheiratet hatte er nat\u00fcrlich auch. Seine Frau, Arthemiza, die Tochter des Anwalts Vasile Chivu, war ein herzliches M\u00e4dchen mit tadelloser Erziehung, aufgewachsen in intellektueller Tradition (Ihre Mutter war Lehrerin). Durch die Ankunft der zwei Kinder Gabriel und Corina wurde ihr Gl\u00fcck als Ehepaar vervollst\u00e4ndigt. Sie starb am 13. Oktober 1995. Arthemiza hatte eine Schwester, Daniela, die in Gro\u00dfnikopel (rum . Turnu M\u0103gurele) als \u00c4rztin praktizierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zwei Kinder von Iosif und Arthemiza sind nach Deutschland gegangen; beide sind \u00c4rzte und wohnen in Frankfurt. Gabriel ist An\u00e4sthesist\u00a0 \u2013 sagt Iosif Sinu &#8211;\u00a0 verheiratet; seine Frau \u00fcbt den gleichen Beruf wie er aus.\u00a0 Corina, meine Tochter, ist Zahn\u00e4rztin. Ihr Mann, ein Siebenb\u00fcrger Sachse ist Ingenieur. Ich erfahre von Iosif Sinu, dass im Moment der Auswanderung seiner Kinder, deren Onkel, Mitic\u0103 in Paris wohnte. F\u00fcr den Anfang sind sie zu ihm nach Frankreich gezogen. Doch es gab Schwierigkeiten bei der Anerkennung Ihres Abiturs. Demzufolge entschieden sie sich, weiter nach Deutschland zu ziehen. Dort studierten sie Medizin. Meine Tochter, Corina verdankt Ihr Medizinstudium ihrem Onkel, Mitic\u0103 \u2013 sagt Iosif Sinu. Er ist derjenige, der Ihre Schritte in diese Richtung leitete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammen mit Iosif Sinu unternahm ich eine Reise durch die Familiengeschichte\u2026 Bei ihm, wie auch bei seinem Bruder, fand ich dieselbe Hochachtung f\u00fcr Eltern und Gro\u00dfeltern, allen voraus das Bild ihres Vaters, dessen Ehrlichkeit, Begabung und Zuneigung die S\u00f6hne tief gepr\u00e4gt hat. Dann die Gro\u00dfeltern, damals allerseits geachtet und bekannt, eine Erinnerung wie ein kostbarer Talisman, tief in ihren Herzen verborgen. Im Gespr\u00e4ch mit Onkel Iosif erfuhr ich auch wie \u0162iglaru\u2019, der Gro\u00dfvater mutterseits, seinen Beruf als Ziegelmacher in Russland w\u00e4hrend des Krieges erlernte. Dort wurde er in die Einzelheiten dieses Handwerks eingeweiht und so konnte er nach der R\u00fcckkehr in senem Heimatort eine eigene Fabrik gr\u00fcnden. Er war ein wohlhabender Mann, allerdings etwas streng, beendet Iosif Sinu die kurze Schilderung seiner Familie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Im Laufe meiner zahlreichen Gespr\u00e4che mit Dumitru Sinu durchbl\u00e4tterten wir eine Menge schriftlicher Anmerkungen \u00fcber Sebe\u015ful de Sus und seine Einwohner. Alles findet sich darin wieder. Es schien mir schier unm\u00f6glich derma\u00dfen viele Informationen in einem einzigen Menschenleben aufzuschreiben, sorgf\u00e4ltig zu sortieren und ordentlich abzuheften, je nach Thema, Bereich und zeitlichem Rahmen. Als ob er meine Gedanken lesen k\u00f6nnte, begann er \u00fcber seine Schlaflosigkeit zu erz\u00e4hlen\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0\u00a0 \u201eSchon als Kind konnte ich nicht schlafen!\u201d<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u201ePro Nacht schlief ich immer nur ganz wenig. Diese Eigenart zieht sich unver\u00e4ndert durch mein ganzes Leben. M\u00f6glicherweise handelt es sich um eine Krankheit, obgleich ich eigentlich noch nie richtig krank gewesen bin. Sogar die Kr\u00e4tze, die alle Kinder im Schulinternat befallen hatte, machte vor mir halt! Meine Sicht, meine Z\u00e4hne, mein Geh\u00f6r, all das ist mit mir alt geworden\u2026 Noch heute wei\u00df ich, wie ich damals f\u00fcr mich und f\u00fcr meine Br\u00fcder die Nachtlager im Schuppen auf Heu vorbereitete. Wie schnell waren alle eingeschlafen! Nachdem sie kurz miteinander sprachen \u2013wir vermissten unsere fr\u00fch verstorbene Mutter sehr \u2013 schlummerten sie davon. Ich konnte nicht! Mich qu\u00e4lte der Gedanke an Mutti, die Erinnerung war ganz frisch, obwohl ich sie eigentlich nicht viel gekannt habe. Dann stand ich auf und ging nach drau\u00dfen. Wenn der Himmel klar war, z\u00e4hlte ich die Sterne. Bei 20 blieb ich stehen; weiterz\u00e4hlen konnte ich noch nicht, also sagte ich \u201enoch eins\u201c und \u201enoch eins\u201c und \u201enoch eins\u201c\u2026 In meiner Vorstellung war meine Mutter bei den Sternen und blickte auf mich herunter.\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Weise und liebevoll, besorgt um die Schlaflosigkeit seines j\u00fcngsten Sohnes riet ihm sein Vater jeden Abend vorm Einschlafen, ein Kreuz auf seinem Kissen anzudeuten\u2026 Das Kind gehorchte folgsam und, statt zu beten, rezitierte es dazu:\u00a0 \u201eKreuz im Himmel, Kreuz auf\u00a0 Erden, Kreuz an der Stelle wo ich schlafe\u201d&#8230; Herrgott nochmal, bete anst\u00e4ndig!\u00a0 &#8211; erwiderte sein Vater und \u00e4rgerte sich \u00fcber Opa Niculi\u0163\u0103, der seinem Sohn solchen Unsinn beigebracht hatte. Der Kleine f\u00fcgte hinzu \u201eLieber Gott, verzeih all die S\u00fcnden von Mutter Eva, Mutter Ana und von meiner Schwester\u201c\u2026 Der Vater wiederum sprach \u201eVater Unser, gib\u00b4 uns Gesundheit!\u201c und Mitic\u0103 erg\u00e4nzte: \u201eden Rindern, dem Pferd, dem B\u00fcffel, den Schweinen, den H\u00fchnern, den Katzen\u2026\u201d, bis sein Vater es satt hatte und den Bengel ins Bett schickte: \u201eSchlaf dich aus, du Kleintaugenichts! Nicht einmal das Gebet kriegst du richtig hin!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4ter, nachdem er diese Schlaflosigkeit mit sich in die weite Welt trug fand Dumitru Sinu auch ein Gegenmittel, indem er sich einfach in der faszinierende Welt der B\u00fccher zur\u00fcckzog. Er las enorm viele B\u00fccher und nutzte die extra freie Zeit um seine eigenen Erinnerungen niederzuschreiben. Seine Ehefrau, Nicole gestand, dass er drei\u00dfig Mal in der Nacht das Licht anknipste und etwa sieben Stunden pro Tag mit Lesen verbrachte. Auf diese Weise gelang es ihm, eine beeindruckende Menge an Notizen und Anmerkungen zu sammeln, Hefte voller Gedanken und Erinnerungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eAuch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!\u201d<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Seine \u00e4lteren Br\u00fcder nannten ihn st\u00e4ndig der Kleine, der Ungeschickte, Flitzer, der Schlaflose. Manchmal \u00fcbertrieben sie und behaupteten er sei so viel Wert wie eine gefrorene Zwiebel,\u00a0 oder er w\u00fcsste nicht mal wie man die Bullen f\u00fchrt, und schon gar nicht wie man sie reitet. Nat\u00fcrlich war er dar\u00fcber ver\u00e4rgert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das spornte ihn sp\u00e4ter an sich selbst und den Anderen zu beweisen, dass er gar nicht so unbegabt war. Als erwachsener Mann zeigte er, dass er durchaus in der Lage war, seine Ziele zu erreichen: ein erf\u00fclltes Leben, gl\u00fccklich und zufrieden mit seinem eigenen Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zwar hat er nicht studiert, denn die Zeiten und seine materiellen M\u00f6glichkeiten waren damals ung\u00fcnstig. Doch er erg\u00e4nzte seine mittlere Reife aus einem Hermannst\u00e4dter Lyceum durch eine Menge Lektionen aus der Schule des Lebens. Als Autodidakt lernte er aus den Erfahrungen anderer und umgab sich mit wertvollen, gebildeten Menschen, mit denen er gut mithielt. Die Anh\u00e4ufung von Allgemeinwissen und seine nat\u00fcrliche Neugier trugen zum Formen seines Charakters bei und machten aus ihm einen Menschen von beneidenswertem Bildungsgrad. Doch all das w\u00e4re nichts wert ohne seine stete Bem\u00fchung, vor allem als rechtschaffener Mensch durchs Leben zu gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ohne Aufforderung schenkte er vielen Bed\u00fcrftigen Hilfe und Unterst\u00fctzung; seine Gro\u00dfz\u00fcgigkeit ist sowohl im Familienkreis wie auch Dorf bekannt. Sein Lohn kam vom lieben Gott!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0Nachdem er jahrelang in Frankreich, Kanada und den USA hart gearbeitet hatte, konnte er sich schlie\u00dflich den Traum seines Lebens erf\u00fcllen. Er ist jetzt stolzer Besitzer dreier Hotels in Amerika: eines in Long Beach, California, das andere in Reno, Nevada und schlie\u00dflich eines in Phoenix, Arizona. Das letzte tr\u00e4gt den Namen CORONADO. R\u00fcckwerts gelesen hei\u00dft das auf rum\u00e4nisch so gut wie Oh, Ja, Gl\u00fcck ( O, DA, NOROC)!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mitic\u0103 Sinu gibt zu, dass er eine Menge seines Erfolges dem Zufall verdankt, doch: \u201eAuch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!\u201d bemerkt er verschmitzt. Er kann es nicht lassen, die lustigen Redewendungen, die aus seinem fr\u00fcheren Leben inmitten der damaligen Dorfgemeinschaft stammen, immer wieder zu benutzen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Seit wann waren sie nicht mehr in Sebe\u015ful de Sus? \u2013 fragte ich Onkel Mitic\u0103. \u201cEs sind schon zehn Jahre vergangen, seitdem ich 2001 das Dorf besuchte\u201d, antwortete er mir. Und welche Gef\u00fchle er beim Betreten des Dorfes, nach so vielen Jahren, hatte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201dSie kamen mir alle so fremd vor, und ich war ihnen genauso fremd. Es war nicht mehr das Rum\u00e4nien von fr\u00fcher\u2026\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>SEBE\u015eUL DE SUS \u2013 mit \u201eOnkel Mitic\u0103\u201d durchs Land der Erinnerungen<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung aus dem Rum\u00e4nischen von Gabriela C\u0103lu\u0163iu Sonnenberg<\/em><\/p>\n<p><em>Januar 2012<\/em><\/p>\n<p><em>Octavian D. Curpa\u1e63<\/em><\/p>\n<p><em>Phoenix<\/em><em>, Arizona<\/em><em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Motto: \u201eIch glaube wir sind aus Sehnsucht geboren. 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